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Mittwoch, 29. August 2007

Internet und literarische Kurzformate

Alexander Kluge im Interview mit der Spex (Nr. 310):
Es ist eine Herausforderung sich kurz zu fassen. Sie müssen ein robustes Format entwickeln, das zeitgemäß ist. So, wie sich in der Frühzeit der Filmkunst eine Herausforderung stellte, als sich nämlich die Arbeitsimmigranten, die damals nach New York einwanderten, in den Kinos auf Galizisch, Schottisch, Polnisch, Deutsch, Italienisch und so weiter miteinander verständigten über das, was sie gerade auf der Leinwand sahen. Sie erlebten die Gleichzeitigkeit als babylonisches Sprachgewirr. Die einzelnen Filme hatten damals eine Länge von 1-9 Minuten. Das machte die Filme robust. Die Menschen wurden an ein Format herangeführt. Genau diesem Phänomen begegnen wir heute im Internet wieder. Aufmerksamkeitsspannen von 90 Minuten für einen Film oder für ein Stück Musik oder auch für einen Text sind im Internet zurzeit noch schwer vermittelbar. Deshalb brauche ich auch in der Literatur Kurzformate, weil es gewissermaßen die Wirkweise des Internets reflektiert.


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gregor keuschnig, 30. August 2007, 11:39
Die Frage wäre dann noch, ob Literatur und/oder Film per se auf "die Wirkweise des Internets" zu reflektieren haben, d. h. ob sich bspw. die Literatur dem Internet (der Internetliteratur) anzupassen hat.

Die "Herausforderung sich kurz zu fassen" ist eine Behauptung von Kluge (der auch im Alter noch Avantgardist sein möchte). Mein Eindruck ist, dass sich viel zu viele Leute inzwischen "kurz fassen", wo es dringend erforderlich wäre, mehr zu sagen.

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cri, 31. August 2007, 02:11
Ich glaube schon, dass Literatur im Internet kurz sein muss, um einen größeren Kreis an Lesern zu erreichen. Man setzt sich ja nicht ans Internet, um einige Stunden auf ein und derselben Seite zu verharren. Man klickt doch herum wie ein Gejagter, segelt von einem Ort zum nächsten und vergisst, wo man begonnen hat. Zumindest geht mir das so. Meine Aufmerksamkeitsausdauer sinkt analog zum Erfolg von Google. Das ist natürlich fürchterlich. Allerdings habe ich dadurch viele faszinierende Novellen und Erzählungen entdeckt in den mittlerweile urheberrechtsfreien Texten der letzten Jahrhunderte, die man im Internet lesen kann. Auch Lyrik kann man wunderbar im Internet lesen. Romane nicht. Ich habe noch keinen Roman am Computer gelesen. Da habe ich lieber ein Buch in der Hand.
Kluge kann man schwer vorwerfen, dass er sich kurz hält. Mehrere seiner Bücher haben an die 1000 Seiten, wenngleich in kurze Häppchen gespalten. Und das gefällt mir. Ich mag dicke Wälzer eher nicht, weil ich nämlich langsam lese und deshalb immer sehr viel Zeit dafür brauche. Die Neuen Medien haben mich da leider zusätzlich noch in ein Leseverhalten gedrängt, das dem Fernsehzappen ähnlich ist. Auch meine Geduld mit 90-minütigen Filmen sinkt ständig. In letzter Zeit sehe ich mir z.B. Filme am Computer im Schnelldurchlauf an (ein paar Sekunden ansehen und dann vorwärts klicken). - Man kann das traurig nennen, aber wenn mir etwas gefällt, bleibe ich ja dennoch hängen.
Ihren im letzten Satz formulierten Eindruck kann ich trotzdem bestätigen. Dem gegenüber steht aber das unendlich lange und nervige Geplauder, das man überall liest. Vielleicht ist das Gebot sich kurz zu fassen noch zu wenig, aber im Internet, denke ich, muss Literatur extrem dicht sein um gelesen zu werden.

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gregor keuschnig, 5. September 2007, 10:28
Ich lese auch keine längeren Texte, wenn ich vor dem PC sitze. Die drucke ich mir dann aus und lese sie "in Ruhe", schon um der (normalerweise immer präsenten) "Klickgefahr" zu entgehen.

Die Gefahr, sein Rezeptionsverhalten den neuen Medien "anzupassen", sehe ich auch. Ich versuche jedoch, dem entgegenzuwirken, in dem ich beispielsweise Filme vom Anfang bis zum Ende schaue (ohne schnellen Vorlauf) oder Bücher zu Ende lesen, die mir nach 50 Seiten nicht gefallen (manchmal gefallen sie mir dann am Ende doch).

Sie haben Recht, was Kluge angeht. Ich habe ehrlich gesagt noch keines seiner Bücher gelesen. Früher habe ich viele seiner Fernsehsendungen gesehen; meistens Interviews (legandär: die mit Heiner Müller). Kluge fragt dort, wie ein Internetuser klickt: er scheut keine Verzettelungen und es gibt gelegentlich skurille Abweichungen, die manchmal fruchtbar sind, manchmal aber auch ziemlich gequält (er lässt die Leute kaum ausreden, sondern wirft immer neue Thesen ein).

Verdichtete Literatur klingt wirklich gut. Ich sehe nur die Gefahr, dass sie irgendwann nur noch aphoristisch wahrgenommen wird - und dann nur noch mit Pointe. Ich glaube nicht, dass Kluge sowas gemeint hat, aber die Gefahr des "Fassen Sie sich kurz" liegt auch darin

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dirk.schroeder, 5. September 2007, 00:59
Dass Weblektüre nach Häppchen geht, ist eine Binse. Daraus folgt für die Literatur nichts. Umgekehrt meinen manche, Bücher müssten mehr als zwei Dutzend Seiten haben. Die irren auch, wie schöne Gegenbeispiele belegen können. Literatur, die sich als Webliteratur begreift (Internet-, mitsamt Usenet, Mail usw., ist mir hier zu weit), ihre Rezeption reflektiert, kann den Druck zur Kürze kaum ignorieren - ob sie dem aber mit Kürze begegnet, ist ihre Sache. (Ich z.B. zeige hier ein 14seitiges statistisches Gedicht als Animated Gif, das Kürze albern vortäuscht.) Selbst lange Werbebriefe können erfolgreich sein - und manche Literatur hat anderes im Sinn als Erfolg nach Zahl.
Gedruckte Literatur wiederum kann Weberfahrung aufnehmen, wie etwa August Stramm die Telegrafie. Dumm nur, dass Stramm in Sachen Kürze schwer zu unterbieten ist. Die Epigrammatiker, Lichtenberg usw. Nichts Neues bringt die Kürze allein.

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